Vor der Tür
Die ersten Minuten sind selten ruhig. Erstmal Toilette, ein Glas Wasser und das Gepäck vom Auto ins Haus tragen. Ganz normale Dinge beim Ankommen an einem neuen Ort, die trotz ein bisschen Aufregung bei den meisten Frauen routiniert wie auf Autopilot ablaufen.
Dann schließe ich die Tür und wir gehen gemeinsam durchs Haus, damit sie ihr Zimmer aussuchen kann. Ich lasse der Frau Zeit für diese Entscheidung, denn welcher der drei sehr verschiedenen Räume sich gerade richtig anfühlt, ist eine Frage, die nur sie beantworten kann.
Danach sitzen wir zusammen und dieses erste Gespräch am Küchentisch fühlt sich an, als würden wir uns schon lange kennen.
Und genau an dieser Stelle spüre ich zum ersten Mal, wie die Zeit langsamer wird und etwas in der Frau vor mir zur Ruhe kommt, lange bevor sie es selbst bemerkt.
Wenn nichts fehlt, und doch was fehlt
Vielleicht kennst du das: Der Job läuft. Familie und Freundinnen sind da, du hast ein stabiles soziales Umfeld. Sogar der Urlaub war gebucht und du hast Zeit für deine Hobbys. Auf dem Papier fehlt nichts, und trotzdem ist da dieses Gefühl unter der Oberfläche, dass etwas nicht stimmt. Du bekommst es nicht richtig zu fassen, denn es gibt keinen sichtbaren Grund dafür.
Oft liegt es daran, dass du denkst, permanent erreichbar sein zu müssen an einem Handy, das nie wirklich aus ist, oder an den vielen Entscheidungen, die du über den Tag verteilt treffen musst, im Job genauso wie zuhause. Zu dieser nie endenden Informationsflut kommt oft noch die Sorge um Menschen, die dir nahe sind. Für echte Ruhe ist immer erst am Ende eines langen Tages Raum. Und genau dann hast du oft keine Energie mehr dafür.
Der Körper zeigt es meistens früher als der Kopf: Du fühlst dich dauermüde, obwohl du viele Stunden schläfst. Wenn du genauer hinschaust, funktionierst du wie auf Autopilot, damit dir nichts durchrutscht. Und deine Kreativität? Die bleibt dabei ganz auf der Strecke.
Der Beginn einer Neuorientierung
Rückzug ist selten das Ende. Meistens ist er der Beginn einer Neuorientierung, auch wenn sich das erstmal gar nicht so anfühlt.
Wer sich zurückzieht, tut das meist aus einem einzigen Grund: aus dem Wunsch nach einem bewussten Innehalten und nach mehr Klarheit. Denn nur mit etwas Abstand kann sich zeigen, was gerade wirklich wichtig ist oder was in die Kategorie fällt „weil’s schon immer so war“.
Während dieses Rückzugs passiert zunächst oft wenig, das von außen sichtbar wäre. Der Körper kommt zur Ruhe, bevor der Kopf überhaupt was merkt. Alte Muster werden spürbar, weil endlich Zeit da ist, sie wahrzunehmen, statt einfach weiterzurennen. Und irgendwann taucht diese eine Frage auf und geht nicht wieder weg: Was will ich wirklich, jenseits von dem, was ich bisher immer gemacht habe?
Mein prallvolles Leben
Ich war zwanzig Jahre in diesem Unternehmen, ab 2005. Mein ohnehin gut gefülltes Leben verdichtete sich nochmal im November 2019, als ich zur Betriebsratsvorsitzenden gewählt wurde, mit einer halben Freistellung neben meiner Stelle als Assistentin der Geschäftsleitung für Marketing und Vertrieb. Zwei Rollen gleichzeitig, dazu kam eine private Situation, die viel Energie kostete. Ein paar Monate später kam der erste Lockdown und alles wurde enger und schneller zugleich.
Ich habe verhandelt und organisiert. Ungewohnte Maßnahmen mussten umgesetzt werden und nebenbei habe ich versucht, in meiner eigentlichen Stelle noch einigermaßen mitzuhalten. Ich war Tag und Nacht im Machen-Modus. Als ich zwei Jahre später die Leitung vom Customer Service mit zwölf Mitarbeitenden übernahm, kam mit dem Unternehmensverkauf eine Aufgabe dazu, die sich anders anfühlte als das in Führung sein: Ich saß Wirtschaftsprüfern gegenüber und musste nach einer Zeit mit schnellen und oft unkonventionellen Entscheidungen plötzlich detailliert erklären und dokumentieren, statt zu gestalten und zu entwickeln.
Ab Sommer 2023 wusste ich, dass ich das Unternehmen verlassen will. Bis es soweit war und ich die Tür ein letztes Mal hinter mir schließen konnte, gingen nochmal zehn Monate ins Land.
Von außen betrachtet war es eine lange, verantwortungsvolle Karriere. Von innen war es eine Zeit, in der ich funktioniert habe, so gut ich konnte.
Der Rettungsanker
Meine Yogaschule GangaYoga gab es schon, bevor diese stressige Zeit begann. Ich hatte sie 2007 gegründet, lange bevor mein Leben ab 2019 so dicht wurde, dass es mir die Luft zum Atmen nahm. Was mich die ganze Zeit mit mir selbst verbunden gehalten hat, war genau das: zwei Abende in der Woche unterrichten, neunzig Minuten, online oder vor Ort. Und ich habe diese Stunden so gut wie nie ausfallen lassen, egal, wie voll meine Tage waren.
Im Rückblick war Yoga mein Rettungsanker, das eine, worüber ich noch mit mir selbst in Kontakt blieb, während Betriebsrat, Führung und Verhandlungen mich weit über meine Kraft forderten.
Die Zeit auf der Yogamatte hat mir gezeigt, dass Rückzug nicht erst beginnt, wenn sich das ganze Leben ändert. Er kann auch in einem festen Termin in der Woche stecken, in neunzig Minuten, die nur mir und den Teilnehmerinnen gehören.
Angekommen
Im März 2024 bin ich aus dem Rhein-Main-Gebiet aufs Land in die Kleine Dorfschule gezogen, noch bevor mein Arbeitsverhältnis endete. Die wöchentlichen Yogastunden waren mir weiter wichtig und doch musste ich zuschauen, wie meine Yogaschule langsam zu bröckeln begann. Anmeldungen gingen zurück, Stunden fielen immer wieder aus, bis ich den Betrieb im Oktober 2025 schließlich eingestellt habe.
Mein Rettungsanker durfte gehen, ich brauchte ihn nicht mehr, um mit mir selbst verbunden zu sein. Das Ankommen hatte längst begonnen, ich musste nur noch aufhören, dagegen anzukämpfen.
Die Frau, die vorhin noch angespannt vor meiner Tür stand, sitzt nun mit mir am Küchentisch, und ihre Schultern und ihr Gesicht sind weicher geworden. Ich weiß, was zwischen diesen beiden Zuständen liegt, weil ich selbst Jahre gebraucht habe, um genau diesen Schritt über die Schwelle zu gehen.
Rückzug trotz Fülle heißt nicht, dass ein volles Leben falsch wäre. Und doch kann irgendwann ein Punkt kommen, an dem du selbst das Gute loslassen kannst, damit Platz für etwas Neues entsteht.
Kurzportrait
Gunda Janowski ist Hüterin von Orten für weise Frauen.
Vierzig Jahre war sie in der Industrie, davon zwanzig Jahre in einem Unternehmen, wo sie verhandelte, organisierte und als Betriebsrätin und Führungskraft Verantwortung trug, bevor sie selbst an genau der Schwelle stand, über die sie jetzt mit anderen Frauen spricht.
Heute begleitet sie Frauen in der Mitte des Lebens, oft rund um die Wechseljahre, mit einer Mischung, die schwer in einen Satz passt: schamanische und energetische Arbeit neben klarem Business-Verstand, Thai Yoga Bodywork neben jahrzehntelanger Industrieerfahrung. “Business meets Spiritualität” nennt sie das selbst, und sie weiß, dass die zwei in ihrem eigenen Leben nie wirklich getrennt waren.
In der Kleinen Dorfschule im Vogelsberg gestaltet sie jeden Aufenthalt individuell, von der Zimmerwahl bis zum Tagesablauf. Ganz gleich ob 1:1-Begleitung oder Workation für kleine Gruppen, sie vertraut auf die weibliche Intuition und Weisheit in jeder Frau, die ihr zeigen, wie viel sie in ihrem Leben neu oder anders gestalten kann.
Mehr über ihre Arbeit:
https://gunda-ganga.com
Impulse und Einblicke teilt sie auf LinkedIn und Instagram:
https://www.linkedin.com/in/gunda-janowski/
https://www.instagram.com/gunda_ganga_/
FAQ zum Thema Auszeit für Frauen
Welche Unternehmen bieten eine Auszeit für Frauen an?
Es gibt eine wachsende Zahl von Anbietern für Auszeiten, Retreats und Coaching-Aufenthalte für Frauen, meist mit Fokus auf Erholung, Achtsamkeit oder berufliche Neuorientierung.
Meine Arbeit setzt an einem anderen Punkt an, bei Frauen, deren Leben von außen gar nicht nach Erholungsbedarf aussieht. Ich begleite Frauen in der Mitte des Lebens, oft mitten in einer Phase, in der von außen betrachtet alles läuft und innerlich etwas nicht mehr mithalten kann. Eine Auszeit ist bei mir kein Wellness-Programm. Es ist ein geschützter Raum für Rückzug, auch wenn von außen kein Grund dafür sichtbar ist.
Welche Kurse gibt es zum Thema Rückzug und Selbstfürsorge?
Es gibt viele Kurse zu Selbstfürsorge, Stressbewältigung und Achtsamkeit, oft in festen Formaten mit klaren Übungen und einem definierten Zeitrahmen.
Rückzug lässt sich für mich nicht in einem Kurs vermitteln. Er ist kein Wissen, das man sich aneignet, sondern ein Zustand, den ein Leben zulassen muss. Deshalb biete ich keine Kurse an. Ich begleite Frauen in der Kleinen Dorfschule persönlich, ohne starres Programm, in dem Tempo, das die jeweilige Frau gerade braucht.
Welche Firmen bieten Coaching-Programme für Frauen an, die sich zurückziehen möchten?
Es gibt Coaching-Anbieter, die Frauen in Umbruchsituationen begleiten, häufig mit klaren Zielen und festen Abläufen über einen definierten Zeitraum.
Meine Arbeit ist kein Coaching-Programm im klassischen Sinn. Rückzug lässt sich nicht in Module einteilen, gerade dann nicht, wenn er mitten in einem vollen, funktionierenden Leben auftaucht. Ich begleite Frauen individuell, mit Raum für das, was gerade ansteht, statt mit einem vorgegebenen Ablauf.
Kann man eine Auszeit oder ein Rückzugs-Retreat buchen?
Ja, in der Kleinen Dorfschule im Vogelsberg kannst du eine persönliche Auszeit buchen. Es ist kein festes Gruppenprogramm, sondern ein individueller Aufenthalt, bei dem du dein Zimmer selbst auswählst und wir gemeinsam den Tag in deinem Rhythmus gestalten.
Wenn du spürst, dass du gerade an so einem Punkt stehst, an dem dein Leben von außen wie Fülle wirkt und trotzdem etwas in dir nach Rückzug verlangt, findest du auf meiner Webseite alle Informationen für ein unverbindliches Kennenlerngespräch: https://gunda-ganga.com

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